Der Mensch ...

sagen manche Philosophen, ist von Natur aus zerrissen. Die Taoisten sprechen davon, dass er aufgespannt ist zwischen Himmel und Erde. Sein Leben lang versucht der Mensch, jenen Ort zu finden, an dem er Ruhe und Frieden findet, heiter bleiben kann angesichts des Todes, gelassen im Sturm, tanzend auf den Wogen des Lebens.

Die Wirklichkeit sieht oft anders aus. Sie verlangt dem Menschen Kämpfe ab, reißt ihn in einen Strudel aus irdischen Notwendigkeiten und Verführungen, treibt ihn weg von dem, was er sein möchte, was er sein könnte.

Und doch gibt es Stille in all dem, gibt es jenen Zustand, der es ihm ermöglicht, sein Leben mit Sinn zu erfüllen, jenseits der flüchtigen, vergänglichen Welt und zugleich ihr zugewandt.

Der Weg zur Gelassenheit im Wandel der Urkräfte, denen wir als irdische Wesen alle ausgeliefert sind, führt geradewegs in die Mitte unseres eigenen Seins. Er führt in unsere Tiefe, in unsere Seele. Dort unten, am Grund von allem, unberührt von den Wogen der Welt der Erscheinungen und doch zugleich ein Teil von ihnen, finden wir unser wahres Wesen. Finden wir die Quelle unserer eigenen Kraft.

Der Weg, den wir dazu gehen müssen, ist der Weg der Selbsterkenntnis. Der Erkenntnis der Welt. Der Erkenntnis der conditio humana. Am Ende sind wir vielleicht nicht klüger als zuvor, aber womöglich weiser. Weiser, weil wir begreifen, wie wenig wir wissen. Weil wir Ehrfurcht empfinden angesichts der Größe des Lebens und des Universums. Weil wir beginnen, etwas zu erkennen, zu spüren, zu fühlen, das unmöglich zu benennen ist.

Der Weg der Selbsterkenntnis mag über den Geist führen, über die Seele oder über den Körper. Alle Wege führen bekanntlich nach Rom, und dies gilt auch hier, wenn mit dem Geist der Körper und die Seele berührt werden, wenn der Weg über den Körper zum Geist und zur Seele führt, und wenn der Seelenweg die Türen zum Körper und zum Geist öffnet. Am Ende berührt doch alles einander.

Wichtig ist, einfach irgendwann anzufangen, sich mit sich und der Welt auseinanderzusetzen. Liebevoll, zugewandt, neugierig und offen. Und vor allem mit der Fähigkeit zu staunen.

Wenn Staunen - jenes ehrfurchtsvolle Staunen darüber, wie die Welt ist, aber auch das trauernde, mitfühlende Staunen - eintritt, können wir eintauchen in ein anderes Sein. Ein Sein, das wahrhaft zu verstehen beginnt.

Es ist dieses Verstehen, dieses Verständnis, dieses Begreifen dessen, was die Welt im Innersten zusammenhält, es ist das Spüren dieser Erkenntnis im eigenen Körper, in der eigenen Seele, mit dem eigenen Geist, was uns jene Freiheit, jenen Frieden und jene Ruhe beschert, nach der wir uns alle sehnen.

Worauf warten wir noch?